PresActive
Ein webbasierter Präsentationseditor, der vollständig über berührungslose Handgesten gesteuert wird
Entwickelt im Rahmen meines Master of Science an der University of Dundee, mit einem neuartigen kreisförmigen Swipe-Kontextmenü. Inklusive formaler Gesten-Mapping-Studie und Usability-Evaluation zum sogenannten Gorilla-Arm-Syndrom.
Überblick
PresActive ist eine webbasierte Anwendung zum Erstellen von Folienpräsentationen, die ausschließlich über berührungslose Handgesten gesteuert wird. Das Projekt entstand im Rahmen meines Master of Science an der University of Dundee und untersuchte, wie berührungslose Interaktion Design, Usability und Nutzer:innenakzeptanz von Produktivitätssoftware beeinflusst.
Das Projekt war als echte Forschungsarbeit angelegt: Literaturrecherche, eine Gesten-Zuordnungsstudie mit Proband:innen, ein selbst entwickelter Prototyp und eine Usability-Evaluation. Jede Phase hat die nächste informiert.
Die Forschungsfrage
Berührungslose Interaktion hatte sich in öffentlichen Installationen, im Gesundheitswesen und im Gaming etabliert, in Kontexten also, in denen Hygiene oder Distanz sie sinnvoll machen. Die Anwendung auf Produktivitätssoftware wirft andere Fragen auf. Wer eine Präsentation bearbeitet statt durch eine Museumsausstellung zu navigieren, stellt höhere Anforderungen an Auffindbarkeit, Präzision und Ermüdungsfreiheit. Wie sieht ein berührungsloses Interface aus, das einen vollständigen Satz von Bearbeitungsfunktionen unterstützt, nicht nur ein paar Navigationsgesten?
Gesten-Zuordnungsstudie
Bevor ich das Interface gestaltet habe, führte ich eine Studie durch, in der Teilnehmer:innen Anwendungsfunktionen aus einem vorab ausgewählten Satz technisch umsetzbarer und gut akzeptierter Gesten zuordneten. Das Ergebnis war ein datenbasiertes Gesten-Vokabular (welche Gesten die Menschen intuitiv mit welchen Aktionen verbinden) statt eines vom Designer erfundenen.
Die Studie legte auch Spannungen offen: Einige Gesten mit hoher Erkennungsrate kollidierten miteinander, andere waren stark mit einer Aktion assoziiert, fühlten sich aber in der Ausführung unnatürlich an. Diese Erkenntnisse haben direkt entschieden, welche Gesten in den Prototyp aufgenommen und welche ausgeschlossen wurden.
Interface-Design
Die zentrale Gestaltungsaufgabe war der Menüzugang. Berührungslose Interaktion macht klassische Navigationsstrukturen schwierig: Hover-Zustände sind unzuverlässig, Klickziele müssen größer sein, und Menüs mit räumlichen Hierarchien ermüden schnell. Ich entwickelte ein kreisförmiges Swipe-Kontextmenü als primären Navigationsmechanismus: ein radiales Layout, das von jedem Punkt aus aufgerufen werden kann und mit einer einzigen Wischbewegung navigiert wird. Alle Bearbeitungsfunktionen sind von dort aus mit einer Geste erreichbar, ohne dass der Arm an den Bildschirmrand bewegt werden muss.
Die Menüaktivierung erfolgte per Dwell-Click: Der Cursor bleibt für eine definierte Zeitspanne still, was das Menü auslöst. Das ist eine gängige Technik in der berührungslosen Interaktion, aber gleichzeitig eine bekannte Fehlerquelle, weil sie langsam und anfällig für ungewollte Auslösung ist. Diese Spannung zeigte sich klar in der Evaluation.
Prototyp und Evaluation
Ich entwickelte eine funktionierende Webanwendung in HTML, JavaScript und jQuery mit integrierter Gestenerkennung. Der Prototyp unterstützte den zentralen Arbeitsablauf beim Bearbeiten von Präsentationen: Folien erstellen, Inhalte einfügen und bearbeiten, Formatierungen anwenden.
Die Usability-Evaluation mit Proband:innen maß sowohl die Aufgabenerfüllung als auch die subjektive Akzeptanz. Die Ergebnisse waren insgesamt positiv: Usability-Bewertungen waren hoch, und die meisten Teilnehmer:innen empfanden die Nutzung als unterhaltsam. Nach längerer Nutzung trat jedoch das Gorilla-Arm-Syndrom auf (physische Ermüdung durch anhaltende Gesten in der Luft), und der Dwell-Click-Aktivierungsmechanismus wurde durchgehend als zu langsam und ungenau kritisiert.
Beide Befunde decken sich mit bekannten offenen Problemen des Forschungsfelds; die Evaluation lieferte konkrete Beobachtungen dazu, wo sie in einem Produktivitätskontext besonders ins Gewicht fallen.
Ergebnis
Das Projekt zeigte, dass berührungslose Interfaces komplexe Produktivitätsaufgaben mit akzeptabler Usability unterstützen können, aber die Eingabemodalität setzt dem Interaktionsdesign Grenzen, die bei Maus oder Touch nicht gelten. Der kreisförmige Menüansatz hat sich bewährt; der Aktivierungsmechanismus nicht. Die Spannung zwischen Entdeckbarkeit und Zuverlässigkeit bei dwell-basierter Eingabe ist im Feld bis heute ungelöst.
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